Buch des Monats

Wofür Wir Chemie brauchen

Ex-Umweltminister Trittin kontert eine Streitschrift von Merck-Chef Kley.

_____ Wenn der Prä­si­dent des Ver­ban­des der Che­mi­schen In­dus­trie (VCI) ein Buch schreibt, dann über­rascht es nicht, dass ein Plä­doy­er für die­se Bran­che dar­aus wird. Karl-Lud­wig Kley möch­te „die Ak­zep­tanz für die Che­mie er­hö­hen“ so­wie „den öf­fent­li­chen und po­li­ti­schen Dis­kurs über die Rol­le der che­mi­schen In­dus­trie in un­se­rer Ge­sell­schaft be­le­ben“. Tat­säch­lich soll­ten ihre Be­schäf­tig­ten und die Un­ter­neh­men nicht in die Schmud­del­ecke ge­stellt wer­den. Das ha­ben sie nicht ver­dient. Ne­ben Au­to­mo­bil­in­dus­trie und Ma­schi­nen­bau ist die Che­mie das drit­te gro­ße Stand­bein des In­dus­trie­stand­orts Deutsch­land. Die Her­aus­for­de­rung des Kli­ma­wan­dels kön­nen wir nur mit ei­nem kom­plet­ten Um­stieg von fos­si­len auf er­neu­er­ba­re En­er­gi­en schaf­fen. Und, dar­auf weist Kley hin, we­der So­lar­zel­len noch Wind­rä­der gibt es ohne che­mi­sche Pro­duk­te.

Dass der An­spruch, das ne­ga­ti­ve Bild von der Che­mie zu kor­ri­gie­ren, trotz­dem so un­zu­rei­chend ein­ge­löst wird, liegt an der Schlicht­heit der Ar­gu­men­te. So wen­det sich Kley ge­gen die Ein­tei­lung in eine „gute“ und eine „böse“ Che­mie. Ich ken­ne nie­man­den, der eine sol­che Ein­tei­lung vor­nimmt - ge­ra­de che­mie­kri­ti­sche Bü­cher sind häu­fig von sach­kun­di­gen Che­mi­kern ge­schrie­ben. Die ein­fa­che Wahr­heit ist: Che­mie kann gro­ßen Nut­zen stif­ten - und un­er­mess­li­chen Scha­den an­rich­ten. Des­halb ist es falsch, den schlim­men Sei­ten der Ge­schich­te nur ei­nen Satz zu wid­men: „Ihre (der Che­mie) Er­run­gen­schaf­ten wur­den - wie die fast al­ler an­de­ren In­dus­trie­zwei­ge auch - für Gräu­el­ta­ten miss­braucht.“ Wer den Platz hat, das Kern­ge­schäft des ei­ge­nen Un­ter­neh­mens - Flüs­sig­kris­tal­le - in sei­ner Ent­ste­hung zu schil­dern, der kann nicht dar­über hin­weg­ge­hen, dass mit Pro­duk­ten der deut­schen Che­mie­in­dus­trie Mil­lio­nen Men­schen ver­gast wur­den. Und wer zu Recht stolz auf die So­zi­al­part­ner­schaft heu­te ist, der darf nicht zur fa­ta­len Rol­le der IG Far­ben bei Macht­er­grei­fung und Kriegs­füh­rung der Na­zis schwei­gen. Die­se wur­de nicht miss­braucht - sie hat miss­braucht.

Ähn­lich ist es mit der Kla­ge über die Ängst­lich­keit der Men­schen. Man soll­te sich mit den real er­leb­ten Ri­si­ken aus­ein­an­der­set­zen: von Bho­pal über Se­ve­so bis zum deut­schen Holz­schutz­mit­tel­skan­dal. Sie sind es, die dem Be­wusst­sein über die Ge­fah­ren der Che­mie zu­grun­de lie­gen. Es wäre loh­nend ge­we­sen zu er­fah­ren, was die Che­mie­in­dus­trie hier­aus ge­lernt hat. So aber bleibt es bei der Kla­ge über „Ger­man Angst“. Die­se Kla­ge wird als Echo nur den Vor­wurf der Un­be­küm­mert­heit ern­ten.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 6/2014.