EXPERTENRAT

Die Jeff-Bezos-Maxime

Lernen vom Amazon-Chef: Wie Sie vermeiden, dass Ihr Haftungsspielraum zur Pflichtverletzung wird.
Von Christoph H. Seibt

Was frü­her un­denk­bar er­schien, ist heu­te fast Rou­ti­ne. Auf­sichts­rä­te ver­fol­gen ihre Vor­stän­de auf Scha­dens­er­satz; und das nicht nur we­gen (mut­maß­li­cher) Com­p­li­an­ce-Ver­stö­ße wie zu­letzt bei Bil­fin­ger, son­dern auch we­gen gro­ber Sorg­falts­feh­ler bei un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen. Mal geht es bei den in­ter­nen Er­mitt­lun­gen um Ab­fin­dun­gen für ehe­ma­li­ge Füh­rungs­kräf­te (Sta­da), mal um Zu­käu­fe in Hoch­ri­si­ko­län­dern (Co­n­er­gy), mal um kom­ple­xe Fi­nan­zie­rungs­ge­schäf­te (HSH Nord­bank). Die meis­ten die­ser Fäl­le wer­den nie öf­fent­lich.

Für die ve­he­men­ter ein­ge­for­der­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gibt es drei zen­tra­le Grün­de: Ers­tens hof­fen die Auf­sichts­rä­te, sie könn­ten die Kos­ten von Fehl­ent­schei­dun­gen über D&O-Haft­pflicht­ver­si­che­rer so­zia­li­sie­ren. Zwei­tens fürch­ten sie, selbst in Haf­tung ge­nom­men zu wer­den. Das näm­lich ge­ben die Arag/​Gar­men­beck-Grund­sät­ze vor, wenn An­sprü­che ge­gen Vor­stän­de bei hin­rei­chen­den In­di­zi­en nicht ge­prüft wer­den. Und drit­tens hat der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) eine fal­sche Fähr­te ge­legt. Das Ge­setz sieht für Ge­schäfts­lei­ter ei­nen Haf­tungs­spiel­raum vor, so­fern sie „auf der Grund­la­ge an­ge­mes­se­ner In­for­ma­tio­nen“ ver­tret­bar han­deln. Hal­ten sie sich dar­an, soll kei­ne Pflicht­ver­let­zung vor­lie­gen. Sie sind vor Haf­tungs­an­sprü­chen ge­schützt. Die­se Busi­ness Jud­ge­ment Rule hat der BGH aber – wo­mög­lich un­be­dacht – so ver­schärft, dass Vor­stän­de erst nach Ana­ly­se „al­ler ver­füg­ba­ren In­for­ma­tio­nen“ wirk­lich si­cher sind.

DAS MUSS DRIN­GEND RE­VI­DIERT WER­DEN. Big-Data-Ana­ly­tik und von Al­go­rith­men un­ter­stütz­te Ent­schei­dungs­pro­zes­se wer­den zwar wich­ti­ger. Sie lie­fern aber al­len­falls eine ma­the­ma­ti­sche (Schein-)Ge­nau­ig­keit. In­for­ma­tio­nen zu er­mit­teln und zu nut­zen ist eine Kunst, kei­ne Wis­sen­schaft. Ge­ra­de an­ge­sichts der po­li­ti­schen Vo­la­ti­li­tät und tech­no­lo­gi­scher Um­brü­che müs­sen Ma­na­ger zü­gig und ri­si­ko­be­reit han­deln. Da­von hängt nicht nur der Er­folg ein­zel­ner Un­ter­neh­men ab, son­dern auch das Wohl der deut­schen Wirt­schaft als Gan­zes.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 10/2018.