KOLUMNE

Lasst mich allein!

Der Dauerzwang zur Teamarbeit lässt unsere Egos abstumpfen. Ein Plädoyer für den geordneten Rückzug.
Von Anja Rützel

Eine El­fen­bein­kam­mer, das wür­de schon rei­chen. Ab und zu ein hal­bes Stünd­chen in ei­nem klei­nen Ka­buff, in dem man die Rest­welt luft­dicht aus­schlie­ßen und ein­fach mal vor sich hin den­ken darf – ganz al­lein! Ist das nicht eine traum­haf­te Vor­stel­lung? Eine, die gut ver­stau­te, ver­dräng­te Fan­ta­si­en kit­zelt?

So viel wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren dar­über ge­ze­tert und ge­grü­belt, wie man es bloß schaf­fen könn­te, den ewi­gen, un­ver­meid­li­chen Mee­tings zu ent­kom­men, die dau­er­pin­genden E-Mails ab­zu­stel­len, die selbst nachts un­ver­dros­sen auf­plop­pen­den Kol­le­gen-Whats­Apps zu dros­seln. Doch bei al­len Kla­gen über die­sen Zu­stand hat man stets das ei­gent­li­che Pro­blem ver­kannt: Schlimm ist nicht, dass wir stän­dig er­reich­bar sein müs­sen. Schlimm ist, dass wir beim Ar­bei­ten nie­mals mehr al­lein sein dür­fen.

„Ein­sam­keit ge­währt dem in­tel­lek­tu­ell hoch­ste­hen­den Men­schen ei­nen zwei­fa­chen Vor­teil: ers­tens den, mit sich selbst zu sein, und zwei­tens den, nicht mit an­dern zu sein.“ Sol­che Sät­ze durf­te Scho­pen­hau­er noch schrei­ben, wir dür­fen sie da­ge­gen nicht mal mehr den­ken. Mit dem Net­wor­king, der schlimms­ten Pla­ge des Ar­beits­le­bens im 21. Jahr­hun­dert, ha­ben wir zwar die po­ten­zi­el­le Reich­wei­te un­se­rer Ide­en bis in die fünf­te Be­kannt­schaftsablei­tung ir­gend­wel­cher Schwipp­sch­wa­ger von sonst wem er­wei­tert, der uns bei schmerz­li­chen Small-Talk-Ge­le­gen­hei­ten mal sei­ne Vi­si­ten­kar­te zu­steck­te. Wir ha­ben da­mit aber auch den Raum fürs Al­lein­sein ge­op­fert, in dem die­se Ide­en über­haupt blü­hen kön­nen.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 10/2018.