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WILD, WEIT, WEG

REISEN Die Wildnis in Europa wird immer kleiner, doch ein paar letzte entlegene Gegenden gibt es noch. Neun Touren durch Moore, Steppen, Wüsten, Nebelwälder – samt Schlafstätte. Abenteuer light kann auch Abenteuer sein.

Dass es in Eu­ro­pa noch Wild­nis gibt, merkt man meist erst dann, wenn sie ge­ra­de ver­schwin­det. Wie in Po­len, wo der­zeit vor al­ler Au­gen ein Welt­na­tur­er­be ab­ge­holzt wird: der letz­te Ur­wald des Lan­des an der Gren­ze zu Weiß­russ­land. Der EU-Ge­richts­hof ver­ur­teil­te War­schau zu 100 000 Euro Stra­fe am Tag. Doch das Forst­amt ist eine In­sti­tu­ti­on. Und die macht auf den 63 000 Hekt­ar, was sie will.

Oder in Öster­reich, wo die Roth­schild-Er­ben un­längst 5412 Hekt­ar Wald höchst­bie­tend ver­kauft ha­ben, dar­un­ter ein gro­ßes Na­tur­re­ser­vat, aus­ge­rech­net an die Wie­ner Prinz­horn-Grup­pe. Ei­nes der bes­ten Jagd­ge­bie­te der Al­pen ge­hört nun ei­nem Pa­pier- und Ver­pa­ckungs­kon­zern.

Nur noch ein Pro­zent der Land­flä­che des Kon­ti­nents ist ge­schütz­te Wild­nis. Kaum mehr vor­stell­bar, dass zur Zeit des Rö­mi­schen Reichs Mit­tel­eu­ro­pa von dich­ten Ur­wäl­dern be­deckt war, mit so ge­wal­ti­gen Bäu­men, dass man un­ter ih­ren Wur­zeln hin­durch­rei­ten konn­te, wie der Chro­nist Ta­ci­tus schrieb.

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WIE AUF DEM MOND

Sieht aus wie Ari­zo­na: das Nie­mands­land bei Tu­de­la im Nord­os­ten von Spa­ni­en. Hun­der­te Sta­tis­ten schlepp­ten sich für die Dreh­ar­bei­ten von „Game of Thro­nes“ hier durch den Staub. Die von Re­gen und Wind ge­form­te Land­schaft, die Halb­wüs­te mit dem Sand­stein­fel­sen Cas­til de Tier­ra wur­de in der Se­rie zum Dothra­ki­schen Meer. Frü­her war die gan­ze Bar­de­nas Rea­les mi­li­tä­ri­sches Sperr­ge­biet, seit 2000 Bio­sphä­ren­re­ser­vat der Unesco (mit 24 Raub­vo­gel­ar­ten, Wan­der­fal­ke, Stein­ad­ler, Gei­er). Nicht nur für Lo­ca­ti­ons­couts ein Traum: 40 Ki­lo­me­ter Schot­ter­pis­te, ein Na­tur­park. Wie auf dem Mond fühlt man sich in den Bub­b­le Rooms des Ho­tels „Aire de Bar­de­nas“. Wä­ren da nicht die Wind­rä­der, die ge­sta­pel­ten Obst­kis­ten, das Wei­zen­feld – und das Ge­blä­se. Wer wach liegt, zählt die Ster­ne.

„Aire de Bar­de­nas“, DZ ab 265 Euro, ai­reb­ar­de­nas.com

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WALD IM NEBEL

Go­me­ra wirkt im Ga­ra­jo­nay-Na­tio­nal­park wie aus der Zeit ge­fal­len. Bart­flech­ten hän­gen von ge­krümm­ten Bäu­men, Moo­se, me­ter­ho­he Far­ne. Ein sub­tro­pi­scher Ur­wald aus Lor­beer- und Erd­beer­bäu­men – und Pflan­zen, die es auf dem Fest­land seit der Eis­zeit nicht mehr gibt. An ei­ner Steil­k­lip­pe liegt das bes­te Ho­tel der Hip­pie-In­sel, mit Pool und bei ei­nem al­ten Wach­turm.

„Pa­ra­dor Na­cio­nal de la Go­me­ra“, DZ ab 120 Euro, www.pa­ra­dor.es

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SCHLAFEN WIE DER ZAR

Ein Auf­schrei, wenn Po­len zur Axt greift: 150 000 Bäu­me wur­den im letz­ten Tief­lan­d­urwald Eu­ro­pas, an der weiß­rus­si­schen Gren­ze, ge­fällt, seit 1979 Unesco-Welt­er­be.In Bi­ało­wieża le­ben Luch­se, Wöl­fe, El­che und Wi­sen­te. Das Wild­rind galt in West­eu­ro­pa schon als aus­ge­stor­ben. Mit ei­ni­gen Tie­ren aus Zoos ret­te­te man die Art, wil­der­te sie hier 1952 aus, im ehe­ma­li­gen Jagd­re­vier pol­ni­scher Kö­ni­ge und der Za­ren. Of­fi­zi­el­le Be­grün­dung für die Ro­dun­gen: Bor­ken­kä­fer und Wald­brand­ge­fahr. Um­welt­schüt­zer glau­ben, dass es um Geld geht – Holz ist wert­voll. Wer schnell noch mal hin- will, kann wie Ni­ko­laus II. in der Bahn­sta­ti­on spei­sen, die 1903 für sei­nen Pri­vat­zug ge­baut wur­de, in der Ban­ja schwit­zen und im Sa­lon­wa­gen schla­fen – ab­so­lut still, wenn die Sä­gen schwei­gen.

„Cars­ka“, DZ ab 85 Euro, www.cars­ka.pl

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LACHSE SATT

Ge­hör­te mal ei­nem Ma­ha­ra­dscha – „Bal­ly­na­hinch Cast­le“, das lu­xu­riö­se Schloss­ho­tel von 1756 –, heu­te dem drittreichs­ten Iren: Me­di­en­mo­gul De­nis O'Bri­en. Die 17 611 Hekt­ar Fang­ge­biet gel­ten als Do­ra­do für Flie­gen­fi­scher. Bis zu fünf Kilo wie­gen At­lan­ti­sche Lach­se, die hier durch Flüs­se und Seen zie­hen. Ge­an­gelt wird bis Ende Sep­tem­ber. Auch be­liebt: die Tour mit dem Hum­mer­fi­scher zur In­sel Inishla­cken. Auf dem Weg zum Con­ne­ma­ra Na­tio­nal­park sieht man au­ßer Scha­fen, Ber­gen, Seen lan­ge nie­man­den, au­ßer am meist­fo­to­gra­fier­ten Ort Der­ry­cla­re Lough und der Quiet Men Cot­ta­ge (Dreh­ar­bei­ten mit John Way­ne). Lee­rer ist der Strand von Ren­vyle.

„Bal­ly­na­hinch Cast­le“, DZ ab 300 Euro, bal­ly­na­hinch-cast­le.com

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NÄCHSTER HALT: NORDPOL

2010 kauf­te der nor­we­gi­sche Po­lar­for­scher Bør­ge Ous­land 22 Hekt­ar Land: Mans­hau­sen, auf der Höhe der Lo­fo­ten. Die In­sel im Stei­gen-Schä­ren­gar­ten im Nor­den Nor­we­gens war frü­her ein wich­ti­ger Ha­fen der Fi­scher und See­leu­te – und hat die höchs­te Dich­te an See­ad­lern. Heu­te kom­men Nord­licht­fans, Na­tur­freaks und Out­door­sport­ler in sein klei­nes Ur­laubs­re­sort (von der Ar­chi­tek­tur­platt­form Ar­chi­ti­zer aus­ge­zeich­net) mit Kü­che, Bü­che­rei, zwei Hot Pools, ei­nem Salz­was­ser­pool und Strand. Im Haupt­haus aus dem 18. Jahr­hun­dert wird ge­mein­sam ge­ges­sen. Es gibt Yoga, Koch­kur­se, An­gel-, Klet­ter-, Tauch-, Se­gel- und Ka­ja­k­aus­flü­ge, im Win­ter Ab­fahrt­ski. Ous­land hat drei mo­der­ne Hüt­ten ge­baut. Sie ra­gen über das Was­ser. Eine steht auf ei­nem Fel­sen, im Som­mer kom­men drei neue dazu, alle be­nannt nach Ex­pe­di­tio­nen. Nur hier sit­zen und raus­gu­cken reicht aber auch schon.

Mans­hau­sen“, Hüt­te ab 400 Euro, www.mans hau­sen.no/​en

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SCHOTTEN­ROCKYS

Le­sen, Whis­ky trin­ken – im „Hen Hou­se“, ge­baut aus schot­ti­scher Lär­che auf der Isle of Skye. Press­span in­nen, Ton in Ton mit der kar­gen Land­schaft, et­was leuch­ten­des Gelb, schwar­ze Le­der­so­fas, ein Holz­ofen und viel Glas, drau­ßen liegt Loch Bra­ca­da­le. Per­fekt im Herbst, wenn sich al­les ver­färbt, es lee­rer wird auf Skye. Da­mit die Lieb­lings­in­sel der Schot­ten nicht über­rannt wird, riet man im ver­gan­ge­nen Jahr zur Hoch­sai­son Tou­ris­ten, nur über die Brü­cke zu fah­ren, wenn sie eine Un­ter­kunft ha­ben. Nur halb so ein­sam: „The Bridge B&B“ in Kil­ma­luag, ganz im Nor­den, wo die Wege schma­ler wer­den, bei Dun­kel­heit, Sturm, Ne­bel an der Klip­pe ent­lang – kei­ne lang­wei­li­ge An­rei­se.

„Hen Hou­se“, eine Wo­che ab 790 Euro, www.ur­laubs­ar­chi­tek­tur.de

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ENDZEIT-STIMMUNG

Wie aus ei­nem Da­vid-Lynch-Film: See­vö­gel, Be­ton, ein al­ter Kalk­stein­bruch, Ödnis. Eine Stra­ße führt von Got­land, Schwe­dens größ­ter In­sel, auf die viel klei­ne­re: Fu­ril­len. Vier Qua­drat­ki­lo­me­ter, win­zig. Bis in die 90er mi­li­tä­ri­sches Sperr­ge­biet, nun kom­men Fo­to­gra­fen, we­gen des Lichts – und „Fa­bri­ken Fu­ril­len“. Das Ho­tel im still­ge­leg­ten Kies­werk, Post­in­dus­trie­ro­man­tik de luxe. Auf der Nach­bar­in­sel Fårö mit ih­ren Rau­ken (bi­zar­re Kalk­stein­säu­len, Res­te ei­nes Ko­ral­len­riffs) leb­te Ing­mar Berg­mann.

„Fa­bri­ken Fu­ril­len“, DZ ab 230 Euro, www.de­si­gn­ho­tels.com

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WILDER FLUSS UND WELTKÜCHE

„Ne­be­sa“ be­deu­tet Him­mel auf Slo­we­nisch. So ist es dort, in vier mo­der­nen Hüt­ten über dem Soča-Tal. Acht Gäs­te ma­xi­mal, Sau­nen auf 900 Me­tern Höhe – und Sicht bis ins Fri­aul. Drum her­um nur Rot­wild, der nächs­te Nach­bar ist zwei Ki­lo­me­ter weg. Und in zwölf Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung die welt­bes­te Kö­chin ("50 Best Re­stau­rants"): Ana Roš, Ex-Ski­renn­läu­fe­rin, die in Ko­ba­rid auf­tischt. „Hiša Fran­ko“ ken­nen seit der „Che­f's Ta­ble“-Fol­ge selbst Asia­ten. Nicht nur sie stan­den plötz­lich vor der Tür. Ab­spe­cken kann man beim Raf­ting in Bo­vec.

„Ne­be­sa“, DZ ab 340 Euro, www.ur­laubs­ar­chi­tek­tur.de

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UNTER BÄREN

Mit dem Mo­tor­rad fuhr Da­nie­le Kihl­gren, re­bel­li­scher Ze­ment­wer­ker­be mit Phi­lo­so­phie­stu­di­um, 1999 durch die Abruz­zen, wo noch Bä­ren und Wöl­fe le­ben – und kauf­te sich ein Drit­tel des Dorfs, des­sen stil­le Schön­heit ihn be­geis­ter­te: San­to Ste­fa­no di Ses­sa­nio. Mil­lio­nen steck­te er hin­ein, bis die Mut­ter ihn ent­er­ben woll­te. Erst wa­ren die Ein­woh­ner miss­trau­isch, heu­te sind sie dem 52-jäh­ri­gen Mai­län­der dank­bar. Im De­si­gn­ho­tel „Sex­t­an­tio Al­ber­go Dif­fu­so“ (erd­be­ben­si­cher sa­niert) do­mi­niert „Arte Po­ve­ra": Ker­zen, of­fe­ne Ka­mi­ne, kein Kühl­schrank, Fern­se­hen oder Te­le­fon (aber In­ter­net). Ge­or­ge Cloo­ney war auch schon da.

„Sex­t­an­tio Al­ber­go Dif­fu­so“, DZ ab 160 Euro, www.de­si­gn­ho­tels.com

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 6/2018.