VORWÄRTS IMMER!

Ein Loblied der Großbau­stelle

Deutsche Konzerne müssen sich in Unruhe versetzen, statt den Eindruck zu erwecken, alles unter Kontrolle zu haben.
Von Christoph Bornschein

Sie hin­ter­las­sen Ih­rem Nach­fol­ger kein wohl­be­stell­tes Haus, son­dern eine Groß­bau­stel­le.“ Die Wor­te, die Jan­ne Werning, Uni­on-In­vest­ment-Ana­lyst und Daim­ler-Ak­tio­närs­ver­tre­ter, dem schei­den­den Daim­ler-Chef Die­ter Zet­sche mit auf den Weg gab, wa­ren wohl als Vor­wurf ge­meint. Schließ­lich hin­ter­lässt Zet­sche sei­nem Nach­fol­ger Ola Käl­le­ni­us eine Auf­ga­be, de­ren Kom­ple­xi­tät der Be­griff „Groß­bau­stel­le“ fast noch ver­harm­lost.

Den­noch fällt es mir schwer, im Vor­wurf den Vor­wurf zu se­hen. Denn was Zet­sche rich­tig er­kannt hat, war das Ende der daim­ler­schen S-Kur­ve, der Punkt also, an dem ein Ge­schäfts­mo­dell das Pla­teau sei­nes Leis­tungs­wachs­tums er­reicht, nur noch ef­fi­zi­en­z­op­ti­miert wer­den kann und die Ab­lö­sung durch die nächs­te In­no­va­ti­on, die nächs­te S-Kur­ve be­vor­steht. Was Zet­sche nicht wuss­te: wel­che In­no­va­ti­on, wel­ches Ge­schäfts­mo­dell da denn nun wann durch die De­cke geht. Das wie­der­um hat er aber mit prak­tisch al­len Top­ma­na­gern al­ler Bran­chen ge­mein­sam.

NACH WIE VOR GILT: Ge­schwin­dig­keit und Ra­di­ka­li­tät des di­gi­ta­len Wan­dels er­schwe­ren ver­läss­li­che Pro­jek­tio­nen. Trotz­dem be­loh­nen Ak­tio­nä­re den un­be­irrt ge­ra­den Kurs, „das wohl­be­stell­te Haus“, und stra­fen un­ge­fäh­re Ex­pe­ri­men­te und Wet­ten ab. Nur sind ge­nau die nö­tig, wenn – wie heu­te – Zei­ten und Zei­chen un­be­stän­dig, un­si­cher, kom­plex und mehr­deu­tig sind. Das „Pro­jekt Zu­kunft“ al­lein ist noch kei­ne Ant­wort, es ist ein Port­fo­lio of Bets. Es ver­setzt den Kon­zern in die Lage, fle­xi­bel ein Sor­ti­ment ver­schie­dens­ter Ge­schäfts­mo­del­le an­zu­bie­ten, in dem neue Wert­schöp­fungs­an­sät­ze pro­to­ty­pi­siert und neue S-Kur­ven ent­wi­ckelt wer­den, auch wenn de­ren An­fang meist eine we­nig at­trak­ti­ve Waa­ge­rech­te ist.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 7/2019.