MAGISCHES VIERECK

Nouveau Régime

Christine Lagarde ist so ziemlich das Gegenteil eines idealtypischen Notenbankers. Nun soll sie EZB-Chefin werden: eine logische Wahl.
Von Henrik Müller

Frü­her war klar, was No­ten­ban­ker zu tun hat­ten: Wenn die Kon­junk­tur brumm­te, muss­ten die Zin­sen rauf. In der Flau­te muss­ten sie run­ter. An­sons­ten: schwei­gen und ernst gu­cken. Zen­tral­ban­ken ver­folg­ten ein ein­zi­ges, vor­nehm­li­ches Ziel, näm­lich die In­fla­ti­on nied­rig zu hal­ten. Da­für muss­ten ihre Füh­rungs­fi­gu­ren vor al­lem zwei Din­ge kön­nen: er­ken­nen, wann ge­nau und in wel­cher Grö­ßen­ord­nung die Zins­schrit­te an­ge­zeigt wa­ren, und dann Kurs hal­ten, auch bei hef­ti­gem po­li­ti­schem Druck. Da­her rührt das tra­dier­te Ide­al­bild des No­ten­ban­kers: Er soll­te ein streng ra­tio­na­ler Öko­nom sein, stur, wort­karg und im Zwei­fel lang­wei­lig. Chris­ti­ne La­g­ar­de ist nichts da­von. Kann das gut ge­hen?

Nach Er­nen­nung durch den Eu­ro­päi­schen Rat wird die Fran­zö­sin ab No­vem­ber die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) lei­ten: eine macht­be­wuss­te Kar­rie­re­ju­ris­tin (Baker McKen­zie), ehe­ma­li­ge Fi­nanz­mi­nis­te­rin und der­zei­ti­ge Che­fin des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF). Eine Frau mit Star­qua­li­tä­ten, die sich für eine Il­lus­trier­ten-Ho­me­sto­ry schon mal bei Lei­bes­übun­gen fo­to­gra­fie­ren ließ ("20 Mi­nu­ten Yoga, un­um­gäng­li­ches Ri­tu­al zum Ta­ges­be­ginn"). Man kann sich der­glei­chen schwer­lich von ih­rem Vor­gän­ger Ma­rio Draghi vor­stel­len oder von US-No­ten­bank-Chair­man Jay Powell, erst recht nicht von Bun­des­bank-Chef Jens Weid­mann. Aber das nur am Ran­de.

No­ten­ban­king ist ein schwie­ri­ges Ge­schäft ge­wor­den. Seit der Fi­nanz­kri­se tau­gen die al­ten öko­no­mi­schen Mo­del­le nicht mehr viel. Die In­fla­ti­on bleibt ex­trem nied­rig, trotz ge­mes­se­ner Re­kord­be­schäf­ti­gung und Nied­rigst­zin­sen. Das tra­dier­te ana­ly­ti­sche Frame­work der No­ten­ban­ken ist zu­sam­men­ge­bro­chen. Ihre In­stru­men­te sind weit­ge­hend wir­kungs­los; die Leit­zin­sen lie­gen über­all im Wes­ten nahe null (sie­he Gra­fik); was der Auf­kauf wei­te­rer Wert­pa­pie­re bräch­te, ist um­strit­ten; neue „ma­kro­pru­den­zi­el­le“ In­stru­men­te ha­ben ge­ra­de im Euro-Raum ihre ei­ge­ne Pro­ble­ma­tik (sie­he mm 6/​2019).

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 8/2019.